Am 3.1.1994 überquerte
ich die Grenze von Kambodscha nach Vietnam. Zwei Monate hatte ich eingeplant
um das Land von Süden nach Norden zu bereisen; zwei Monate um von
Saigon nach Hanoi zu kommen.
In den Monaten vorher hatte ich bereits einige Länder in Asien bereist.
Während dieser Zeit ist eine anfängliche Idee zu einem Entschluß
gereift: Ich wollte ein Motorrad kaufen. Vietnam war Anfang 1994 erst
seit wenigen Monaten für den Tourismus geöffnet, und dementsprechend
schlecht war auch noch die touristische Infrastruktur. Mit einem Motorrad,
so bildete ich mir ein, würden sich mir beim Reisen keinerlei Hindernisse
in den Weg stellen.
Das Bereisen eines Landes mit einem Motorrad ist eine fantastische Sache.
Auf keine andere Weise kann man in limitierter Zeit so viele verschiedene,
auch abgelegene Orte besuchen und nur durch wenige ander Arten des Reisens
kommt man in Kontakt mit so vielen unterschiedlichen Menschen des Gastlandes.
Eines jedoch ist das Reisen mit dem Motorrad in Vietnam nicht: Einfach!
Jeden einzelnen Tag mußte ich mit schlechten Straßen, verrückten
LKW-Fahrern, Hühnern und Schweinen auf der Straße und ungünstigen
Witterungsverhältnissen kämpfen. Dazu kamen die Widrigkeiten,
mit denen man Leben muß, wenn man ein altes russisches 'Muick'-Motorrad
fährt. Es verging, und das ist nicht übertrieben, kein Tag,
an dem ich nicht zumindest eine Reifenpanne hatte.
...nach 20 km seinen Geist aufgegeben. Mitten in der Fahrt
hat alles blockiert. Ich war glücklicherweise zu diesem Zeitpunkt
nicht besonders schnell, so daß ich das Bike aufrecht halten konnte.
Es hat nichts mehr funktioniert. Ich konnte es weder starten noch wegrollen.
Der Motor war ein einziges Desaster, das nichts mehr zuließ als
Hilfe zu suchen. Damit begann mein erstes Problem, welches mir ja nicht
mehr neu ist. Ein "Kenner" kommt, und sieht, daß das Motorrad
nicht läuft. Seine Schlußfolgerung, sowie sein gesamtes technisches
Urteilsvermögen lassen nur eine Erklärung zu: Es muß
was mit der Zündkerze zu tun haben. Also beginnt er das Ding laufend
ein und wieder auszubauen. Ich weiß natürlich, daß
der Fehler woanders liegen muß, aber wie soll ich es dem guten
Mann denn erklären? Der beharrt erstens auf seiner Meinung und
hält mich,zweitens, für dumm. Aber schließich hat er
ein Einsehen und stellt fest, daß der Fehler nicht bei den Zündkerzen
zu finden ist. Aber er ist in der Lage mir zwei Dinge zu vermitteln:
1. Das Motorrad ist kaputt. 2. Er kann mir nicht weiterhelfen. Ich habe
dann das eigentlich unmögliche Unerfangen gewagt, das Bike auf
eine Rikscha zu laden und zurück in die nächste Stadt zu fahren.
In der Werkstatt dort gab man mir zu verstehen, daß ich wieder
zurück muß wo ich hergekommen bin, da nur dort Hilfe zu erwarten
sei. Dort angekommen machten sich bei mir erste Anzeichen der Verzweiflung
breit. Die Jungs in der Werkstatt machten nicht den Eindruck, als ob
sie irgend etwas von Motorrädern verstünden. Dann begannen
sie die Zündkerze auszubauen...
Zum Glück verstanden sie doch etwas davon. Sie legten die ganze Karre
auseinander, fanden einen rausgebrochenen Zahn
eines Zahnrades im Motorblock, schweißten diesen wieder an und übergaben
mir das Motorrad fünf Stunden später-frisch geölt und geputzt.
Diese Reparatur hat nur 7 US$ gekostet! Zwanzig km später begann
die Karre wieder zu spucken und zu stottern. Dann ging gar nichts mehr
- die Zündkerze!

Die ersten zwei Wochen verbrachte ich im
Mekong Delta. In den Orten die noch relativ einfach und schnell
von Saigon zu erreichen waren, traf ich einige andere Traveller. Dies
ließ jedoch nach, je weiter ich in den Süden kam. Die zweite
Woche im Delta habe ich keine anderen Ausländer mehr gesehen. Diese
Tatsache machte sich daran bemerkbar, daß die Leute genauso interessiert
an mir waren, wie ich an ihnen. Oft wurde ich fast dazu genötigt
Leute zu fotografieren. Ganz so ruhig ist es heute wohl nicht mehr, aber
überlaufen ist diese Gegend bestimmt auch noch nicht.
Interessant war es das Motorrad über die dutzenden Flüsse zu
bringen. Auf abgelegenen Wegen verkehren nur Kanus als Fähren. Mehr
als einmal mußte ich einen Fluß überqueren, indem ich
auf dem Motorrad saß, und mit beiden Füßen auf den Kanurändern
das Boot ausbalancierte, um den Fährmann und mich vor dem Kentern
zu bewahren.
Das Mekong-Delta kam mir andersartiger und exotischer vor, als der ganze
Rest des Landes.
Ich sitze in einem Straßencafe an einer kleinen Kreuzung
in Rach Gia. Die Sonne ist vor kurzem untergegangen und überall
gehen langsam die Lichter an.In diesem Cafe läuft leise, schnulzige
vietnamesische Musik, Räucherkerzen brennen. Von gegenüber
zieht der Geruch gedämpfter Teigtaschen herüber und vermischt
sich mit dem Incense-Duft. Ich sehe lauter scheinbar unzusammenhängende
Bilder mir unbekannter Menschen. Ich beobachte, und nehme mir Sekunden
aus ihrem Leben. Dieses Erleben der mir so fremden Welt bringt mich
in eine ungeahnte Hochstimmung...
Wieder zurück in Saigon habe ich erst mal richtig abgefeiert.
Dazu taugt diese Stadt nämlich ungemein. Hilfreich für den Beginn
eines Abends ist ein Gläschen Schlangenschnaps. In diesen
Alkohol werden lebendige Kobras geworfen. Alles was sie im Todeskampf
von sich geben, gibt dem Drink seine eigene Geschmacksnote und verursacht
die besonder Wirkung...
In Saigon habe ich zufällig Zak wiedergetroffen. Mit ihm habe ich
einige Monate vorher Nepal bereist. Als er von meinem Motorrad hörte
war er sofort begeistert und beschloß schon am nächsten Tag
auf die Suche nach einer geeigneten eigenen Maschine zu gehen. Den restlichen
Trip bis nach Hanoi machten wir dann gemeinsam. Ebenfalls schloß
sich uns Liz aus Australien an. Dies war wohl der mutigste Beschluß,
da sie noch nie auf einem Motorrad gesessen hat, und auch noch nie in
einem Land mit Rechtsverkehr gefahren ist.
Wir setzten die Tour fort und fuhren über Dalat nach Nha Trang, Hue
und dann nach Hanoi. Zwischendurch verbrachten wir Tage und Nächte
in unzähligen kleinen Orten und Örtchen. Jeden Tag erlebten
wir neue Abenteuer.
...war Danang die erste große Stadt, die mich wirklich
an ein Dorf erinnerte. Das lag wohl auch an dem quirligen Leben in all
den Straßen und Gassen. Gestern Abend saßen wir nur an einer
Kreuzung und haben uns das Treiben so angesehen. Wir hatten ein paar
kleine Unfälle, eine Schlägerei und natürlich unzählige
Leute, die mit uns plaudern wollten...
Als wir nach zwei Monaten in Hanoi ankamen, waren wir überglücklich.
Oft hatten wir daran gezwefelt, daß wir es jemals heil schaffen
würden.
In Hanoi verkauften wir die Motorräder und lebten die letzten Tage,
zur Belohnung für das Geschaffte, in Saus und Braus.
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